Die verführerischste Equity-Kurve im Algo-Trading
Kein EA-Typ verkauft sich so leicht wie ein Martingale- oder Grid-System. Die Equity-Kurve steigt fast linear, der Drawdown wirkt minimal, der Profit-Faktor sieht spektakulär aus. Genau diese Schönheit ist das Problem: Sie verbirgt ein Risiko, das nicht in der Statistik der ruhigen Monate auftaucht, sondern in dem einen Monat, der alles auslöscht.
Dieser Guide erklärt die Mechanik ehrlich — nicht, um diese EAs zu verteufeln, sondern damit du verstehst, was du wirklich kaufst, wenn die Kurve zu schön aussieht. Das passende Bewertungsraster liefert der Guide Was macht einen guten Forex-EA aus?.
Wie ein Grid-System funktioniert
Ein Grid-EA platziert Orders in festen Abständen (z. B. alle 20 Pips) ober- und unterhalb eines Startpreises. Bewegt sich der Markt, werden nacheinander Positionen eröffnet. Pendelt der Preis innerhalb des Gitters, schließt der EA Teilpositionen mit kleinen Gewinnen.
- Stärke: In Seitwärtsmärkten erntet das Grid kontinuierlich kleine Gewinne.
- Schwäche: In einem starken, anhaltenden Trend werden immer mehr Positionen gegen die Bewegung eröffnet, der unrealisierte Verlust wächst, und es gibt keinen natürlichen Ausstieg.
So sieht die Mechanik aus – auf einem bewusst günstigen, simulierten Verlauf, in dem jeder Korb zurückkommt. Achte auf die Klammer rechts: Bei gleich großen Stufen liegt die Gewinnschwelle genau auf halber Strecke.
Strategie · Simulation
Grid
Gleich große Positionen im festen Abstand. Die Hälfte zurück ist schon die Gewinnschwelle – solange der Kurs zurückkommt.
So funktioniert es
- Der EA kauft und legt ein Raster darunter: alle 20 Pips eine weitere Position, immer 0,10 Lot.
- Alle Positionen teilen sich ein Ziel knapp über dem Durchschnittskurs.
- Weil alle gleich groß sind, liegt der Durchschnitt genau in der Mitte: Die halbe Strecke zurück ist die Gewinnschwelle, 5 Pips darüber schließt der ganze Korb im Plus.
- Was die Animation nicht zeigt: Läuft der Kurs weiter gegen den Korb, wächst der offene Verlust mit jeder Stufe – ohne Stop gibt es keinen eingebauten Ausstieg.
Unser Prüfpunkt
Worauf wir bei echten Grid-EAs schauen: den maximalen Floating Loss im Live-Konto, nicht den geschlossenen Drawdown – und ob es einen harten Stop für den ganzen Korb gibt.
Demonstrationswerte: simulierter EURUSD-Verlauf mit 0,10 Lot und 10.000 $ Startkapital, bewusst günstig gewählt – jeder Korb und jeder Trend geht hier auf. Keine echte Handelsstrategie, kein Backtest und keine Anlageberatung.
Wie Martingale funktioniert
Martingale stammt aus dem Glücksspiel: Nach jedem Verlust wird der Einsatz verdoppelt, damit ein einziger Gewinn alle vorherigen Verluste plus einen kleinen Profit ausgleicht.
Im Trading bedeutet das: Geht ein Trade ins Minus, eröffnet der EA eine größere Gegenposition (oft 1,5- bis 2-fache Lotgröße). Kommt der Markt zurück, schließt die ganze Sequenz mit Gewinn. Viele kommerzielle EAs kombinieren Grid und Martingale — das Gitter staffelt die Einstiege, die Lotprogression vergrößert die Positionen.
Derselbe simulierte Kurs wie oben, nur mit Lot-Multiplikator ×2: Die Gewinnschwelle rückt auf 29 % des Rückwegs heran, dafür steckt schon nach drei Stufen das Siebenfache der Startgröße im Markt. Eine Übersicht aller fünf Strategie-Typen findest du unter EA-Strategien erklärt.
Strategie · Simulation
Martingale
Jede neue Position doppelt so groß. Schon eine kleine Erholung schließt den Korb – der Preis dafür ist ein Volumen, das mit jeder Stufe explodiert.
So funktioniert es
- Wie beim Grid kommt alle 20 Pips eine Position dazu – aber mit Multiplikator ×2: 0,10 → 0,20 → 0,40 → 0,80 Lot.
- Die großen Positionen ziehen den Durchschnitt nach unten, dicht an den tiefsten Einstieg.
- Darum reicht schon eine kleine Erholung für den Gewinn. Der Haken: Das Volumen verdoppelt sich mit jeder Stufe, der offene Verlust wächst noch schneller – eine Stufe zu viel, und ein Korb vernichtet die Gewinne vieler vorheriger.
Unser Prüfpunkt
Worauf wir bei echten Martingale-EAs schauen: Multiplikator, maximale Stufenzahl und das Volumen auf der letzten Stufe im Verhältnis zum Konto. Eine glatte Equity-Kurve ist hier kein Qualitätsmerkmal.
Demonstrationswerte: simulierter EURUSD-Verlauf mit 0,10 Lot und 10.000 $ Startkapital, bewusst günstig gewählt – jeder Korb und jeder Trend geht hier auf. Keine echte Handelsstrategie, kein Backtest und keine Anlageberatung.
Warum die Mathematik gegen dich arbeitet
Das Kernproblem ist das exponentielle Wachstum der Position bei linearem Kapital.
Bei 2-facher Progression entwickelt sich die Lotgröße so:
| Level | Lots | Kumuliert |
|---|---|---|
| 1 | 0,1 | 0,1 |
| 2 | 0,2 | 0,3 |
| 3 | 0,4 | 0,7 |
| 4 | 0,8 | 1,5 |
| 5 | 1,6 | 3,1 |
| 6 | 3,2 | 6,3 |
| 7 | 6,4 | 12,7 |
Nach nur sieben Verlusten in Folge handelst du das 64-fache der Startgröße. Eine längere Verlustserie — bei einem starken Trend oder einem News-Gap völlig normal — übersteigt jedes reale Konto. Der Markt muss nicht „falsch" laufen; er muss nur länger in eine Richtung laufen, als dein Kapital aushält.
Genau deshalb täuscht die Equity-Kurve: Sie zeigt die vielen Male, in denen der Markt zurückkam, nicht das eine Mal, in dem er es nicht tat.
Was die Live-Konten zeigen
Theorie ist das eine. Unser EA-Test-Hub führt 118 kommerzielle Expert Advisors, für 51 davon verfolgen wir ein Live-Konto. 57 EAs arbeiten mit Grid, 17 mit Martingale-Progression (beides kann zusammen vorkommen). Das Bild der Floating Losses, direkt aus dem Dashboard berechnet:
| Kennzahl | Grid-/Martingale-EAs | EAs ohne Grid |
|---|---|---|
| EAs mit veröffentlichtem max. Floating Loss | 9 | 11 |
| Median max. Floating Loss | 42,7 % | 39,7 % |
| Konten mit ≥ 30 % Floating Loss | 7 von 9 | 8 von 11 |
| Schlechtester Wert | 87,2 % (Gold Matrix EA) | 77,8 % (Zoomini) |
Lies die Tabelle mit zwei Einschränkungen. Erstens ist der Abstand zwischen den Gruppen kleiner, als viele erwarten: Auch EAs ohne Grid erreichen hohe Floating Losses, etwa wenn sie Verlustpositionen lange ohne Stop halten. Zweitens gehören mehrere der tiefsten Grid-Werte zu Konten, die seit Start im Plus liegen. Genau das ist der Mechanismus aus dem Kapitel davor: Das Konto war zwischenzeitlich halb weg, die Equity-Kurve zeigt es kaum.
Aus unserem eigenen EA-Park: Ein Konto mit einem Grid-EA von Happy Forex stand am 23.07.2026 bei 56 % Floating-Drawdown, mit 770 USD offenem Verlust auf 1.370 USD Equity. Es hat sich erholt. Der nächste Trend in die falsche Richtung hätte es nicht getan. Wie wir solche Konten überwachen, steht im Ratgeber Trading-Kennzahlen: Drawdown & Profit-Faktor.
Warum der Drawdown im Backtest harmlos aussieht
Im Backtest wird der maximale Drawdown oft erst bei einem geschlossenen Trade gemessen — nicht auf der offenen, schwimmenden Position. Ein Grid mit riesigem unrealisiertem Verlust, der sich am Ende gerade noch ins Plus dreht, erscheint als profitabler Trade mit niedrigem „geschlossenen" Drawdown. Der wahre Risikomoment — der Floating-Drawdown kurz vor dem Margin-Call — taucht in vielen Berichten gar nicht sauber auf.
Achte deshalb auf den maximalen Floating-Drawdown und den Margin-Auslastungsgrad, nicht nur auf den realisierten Drawdown.
Wann Grid/Martingale überhaupt vertretbar ist
Es gibt eng begrenzte Szenarien, in denen erfahrene Trader diese Mechanik bewusst einsetzen:
- Nur mit echtem Kapital-Stopp: ein absoluter Equity-Drawdown, bei dem das gesamte Grid geschlossen wird — auch mit Verlust. Das verwandelt das unbegrenzte Tail-Risiko in einen definierten Maximalverlust.
- Begrenzte Level-Zahl: maximal 3–5 Nachkauf-Stufen, danach harter Stop.
- Sehr kleiner Kapitalanteil: behandle den EA als spekulative Position, deren Totalverlust eingeplant ist.
- Nur auf Paaren mit ausgeprägtem Mean-Reversion-Verhalten und niedriger Trendneigung.
Wer diese Kontrollen nicht akzeptiert, handelt kein System, sondern eine Zeitbombe mit unbekanntem Zünder.
Risikokontrollen, die Pflicht sind
- Harter Equity-Stopp für die gesamte Sequenz (nicht pro Trade).
- Maximale Anzahl offener Positionen fest begrenzen.
- Margin-Level-Überwachung mit automatischem Notausstieg.
- Kein Einsatz über News — ein News-Filter ist hier nicht optional.
- Niemals mehrere Martingale-EAs parallel auf korrelierten Paaren: Im Crash sprengen sie gemeinsam den Account. Warum kombinierte Drawdowns hier besonders gefährlich sind, zeigt der Guide zum EA-Portfolio-Management.
Fazit
Grid- und Martingale-EAs sind keine magischen Geldmaschinen, sondern ein bewusster Tausch: viele kleine, fast sichere Gewinne gegen ein seltenes, katastrophales Verlustereignis. Wer das versteht und mit einem harten Kapital-Stopp, begrenzten Leveln und kleinem Einsatz arbeitet, kann sie als kalkulierte Spekulation einsetzen. Wer auf die glatte Equity-Kurve hereinfällt und „set and forget" spielt, verliert irgendwann mit hoher Wahrscheinlichkeit alles. Im Zweifel gilt: Ein EA mit sichtbarem, kontrolliertem Drawdown ist langfristig sicherer als einer, der angeblich nie verliert.