Warum ein guter Einzel-EA im Portfolio scheitern kann
Du hast einen EA mit stabiler Equity-Kurve, solider Sharpe Ratio und überschaubarem Drawdown. Du fügst einen zweiten, ebenso soliden EA hinzu. Plötzlich ist der Drawdown des Portfolios größer als bei jedem der beiden EAs alleine. Was ist passiert?
Der Fehler liegt fast immer in unbemerkter Korrelation: Beide EAs reagieren auf dasselbe Marktregime, verlieren in denselben Perioden Geld und addieren ihre Drawdowns, statt sie zu glätten.
Echtes Portfolio-Management bedeutet, dass ein gutes Einzelsystem erst dann wirklich seinen Wert entfaltet, wenn es mit komplementären Systemen kombiniert wird.
Was Korrelation im Trading-Kontext bedeutet
Korrelation misst, ob die P&L-Zeitreihen zweier EAs in die gleiche Richtung tendieren.
- Korrelation nahe +1: Die EAs gewinnen und verlieren zur selben Zeit. Kein Diversifikationseffekt.
- Korrelation nahe 0: Die P&L-Bewegungen sind unabhängig voneinander. Echter Glättungseffekt.
- Korrelation nahe -1: Wenn EA A verliert, gewinnt EA B und umgekehrt. Ideal – aber selten natürlich.
Ursachen hoher Korrelation:
- Gleiche Handelssymbole (EURUSD + GBPUSD bewegen sich oft synchron)
- Ähnliche Strategietypen (zwei Trend-Follower verlieren beide in Ranging-Märkten)
- Gleiche Timeframes (alle EAs reagieren auf denselben Tageschluss-Trigger)
- Gemeinsame Nachrichtensensitivität (beide EAs haben keinen News-Filter)
Korrelation praktisch messen
Die schnellste Methode: Exportiere aus MT4/MT5 den Trade-Report als CSV, berechne den täglichen P&L (geschlossene Trades) und ermittle den Pearson-Korrelationskoeffizienten zwischen den Equity-Zeitreihen der einzelnen EAs.
In Excel oder Python reicht dafür ein einfaches =KORREL(Reihe_A, Reihe_B) bzw. df[['EA_A','EA_B']].corr().
Interpretationshilfe: | Korrelation | Bewertung | |---|---| | > 0,7 | Hohe Überlappung – kaum Diversifikation | | 0,3 – 0,7 | Teilkorrelation – begrenzte Glättung | | −0,3 bis 0,3 | Gute Unabhängigkeit | | < −0,3 | Natürliche Absicherung – selten |
Für eine belastbare Aussage brauchst du mindestens 6 Monate paralleler Laufzeit mit je 100+ Trades pro EA.
Den kombinierten maximalen Drawdown berechnen
Der kombinierte maximale Drawdown (Max Combined DD) ist der entscheidende Risikokennwert für ein Multi-EA-Portfolio. Er misst, wie viel Prozent des Gesamtkapitals das Portfolio gleichzeitig verloren hat.
Vereinfachte Annäherung für unkorrelierte EAs:
Wenn EA A max. 10 % DD hat und EA B max. 12 % DD, und beide sind vollständig unkorreliert, dann ist der kombinierte DD nicht 22 %, sondern näher an √(10² + 12²) ≈ 15,6 % – die Verluste überlagern sich statistisch nicht vollständig.
Realitätscheck: In Krisenperioden (Flashcrash, News-Gap, Wochenend-Gap) kollabiert die theoretische Unkorrelation. EAs, die bei normalen Marktbedingungen unabhängig sind, verlieren oft gleichzeitig, wenn es wirklich drauf ankommt. Deshalb immer mit einem Stressszenario rechnen – z. B. alle EAs gleichzeitig auf ihrem historischen Max-DD. Das ist das Worst-Case-Exposure.
Kapitalallokation: Wie viel für welchen EA?
Kein EA sollte so viel Kapital erhalten, dass sein Maximum-Drawdown das Gesamtportfolio gefährdet.
Faustregel für Einsteiger:
- Teile das Gesamtkapital gleichmäßig über alle EAs auf – das ist einfach und vermeidet unbewusste Übergewichtung.
- Setze ein hartes Limit: Kein einzelner EA darf mehr als 30–40 % des Portfoliokapitals verwalten.
Risikostandardisierung (fortgeschritten): Standardisiere die Lotgrößen aller EAs so, dass jeder EA ein identisches Risiko pro Trade trägt – z. B. 0,5 % des Gesamtkapitals. So vergleichst du Äpfel mit Äpfeln. Details zur Lotgrößenberechnung findest du im Guide Lotgrößen & Risiko pro Trade.
Welche EAs sinnvoll kombiniert werden können
Gute Kombinationen verbinden komplementäre Marktregime-Profile:
- Trend-Follower + Mean-Reversion: Wenn der Trend-Follower in Ranging-Phasen verliert, verdient der Mean-Reversion-EA.
- Verschiedene Symbole mit geringer Makrokorrelation: EURUSD und USDJPY haben historisch eine schwächere Korrelation als EURUSD und GBPUSD.
- Verschiedene Timeframes: Ein Scalper (M5) und ein Swing-Trader (H4) reagieren auf andere Signale.
- Verschiedene Sessionzeiten: Ein EA, der nur die Asia-Session handelt, und einer, der auf die London-Session fokussiert ist, überlappen im Drawdown kaum.
Kombiniere niemals mehrere EAs desselben Typs auf stark korrelierten Paaren ohne gründliche Korrelationsanalyse.
Drawdown-Limits und automatisches Stopp
Im echten Portfolio-Betrieb – insbesondere auf einem VPS ohne ständige manuelle Überwachung – ist ein automatisierter Drawdown-Stopp wichtig.
Implementiere einen Portfolio-Guard: ein separates Script oder einen EA, der täglich (oder je Candle) die Gesamtequity prüft und alle EAs schließt, wenn das Portfolio-Drawdown-Limit überschritten wird. Das schützt vor dem häufigsten Szenario – ein EA gerät in eine extreme Verlustserie, und die anderen laufen weiter in einen ohnehin bereits angeschlagenen Account.
Für Prop-Firm-Konten ist dieses Limit oft durch die Regelwerke vorgeschrieben. Mehr dazu im Guide zur Prop-Firm-Challenge mit einem EA.
Marktüberwachung und Rebalancing
Ein Portfolio braucht regelmäßige Überprüfung:
- Monatlich: Korrelationsmatrix aller EAs aktualisieren – Märkte ändern ihre Regime.
- Quartalsweise: Überprüfe, ob die Equity-Kurve jedes EAs noch auf der Walk-Forward-Erwartung liegt. Abweichungen sind ein Signal für einen Strategiebruch.
- Bei Kapitalveränderungen: Passe die Lotgrößen aller EAs proportional an – nicht nur des wachsenden EAs.
Fazit
Ein Multi-EA-Portfolio ist kein Sicherheitsnetz durch bloße Addition von Systemen. Es ist Überlegung: Welche EAs haben unabhängige P&L-Quellen? Welcher kombinierte Drawdown ist akzeptabel? Wie wird Kapital fair verteilt? Wer diese Fragen beantwortet, bevor er Echtgeld einsetzt, baut ein Portfolio, das auch echten Stressphasen standhält. Die Basis dafür legt stabiler Infrastruktur – ein zuverlässiger VPS und Broker mit transparenter Execution sind keine Optionen, sondern Voraussetzung.