Kurzurteil
Gold X9 ist billig, gut erklärt und auf den ersten Blick ein Schnäppchen für alle, denen der Gold Reaper mit 949 USD zu teuer ist. Nach unseren Handelsdaten handelt er tatsächlich ähnlich. Was ihm fehlt, ist der Beleg: kein Live-Signal des Anbieters, nur vier Wochen auf zwei eigenen Echtgeld-Konten, die zusammen leicht im Minus liegen, und ein langer Verlustschwanz, weil der Stop fast dreimal so weit weg liegt wie das Ziel. Mit 3,1 von 5 steht er nach unserer Methodik auf Gelb, knapp über der Grenze zu Rot. Das heißt: Mit Vorbehalt, und bis mehr Daten da sind, nur klein und mit hartem Equity-Stop.
Wer Gold X9 verkauft
Gold X9 stammt von Mr CapFree, einem YouTuber, der in seinen Videos MQL5-Code erklärt und EAs verkauft. Der Vertrieb läuft nicht über den MQL5-Market, sondern über einen eigenen Shop bei Fourthwall („No Shenanigans“). Dort kostet Gold X9 69,99 USD einmalig, geliefert wird eine ausführbare ex5-Datei „ohne Lizenz“, also ohne Bindung an Konto oder Rechner. Eine kostenlose Demo-Version erlaubt Backtests mit eigenen Brokerdaten.
Der Shop ordnet Gold X9 in die Rubrik der selbst programmierten EAs ein. Daneben führt er eine Rubrik „Famous EAs from Internet“, in der der Anbieter eigene Umsetzungen bekannter EAs anbietet, etwa eine „Interpretation“ des Waka Waka EA nach einem YouTube-Video. Das ist kein Vorwurf, sondern Kontext: Der Anbieter baut erklärtermaßen auch Strategien nach, die er öffentlich gesehen hat.
Vorgestellt wurde Gold X9 am 8. August 2026 in einem Video. Darin sagt der Anbieter, der EA laufe seit über drei Jahren in seinem eigenen Portfolio, aus Hunderten Ideen hätten neun überlebt. Ein Konto, das diese drei Jahre zeigt, gibt es nicht. Ein Zuschauer fragte in den Kommentaren nach einem verifizierten Myfxbook- oder FX-Blue-Track über sechs bis zwölf Monate. Ein prüfbares Konto hat der Anbieter bis zum 5. Oktober nicht verlinkt. Stattdessen zeigte er am 1. Oktober zu Beginn eines Bauvideos Bildschirmaufnahmen seiner Forward-Konten seit August, darunter ein 10.000-USD-Konto im Profil „High Risk“ mit nach seinen Angaben 42 % Gewinn bei 15 % Drawdown. Nachprüfen lässt sich das nicht; nach unserer Methodik zählen solche Aufnahmen nicht als Beleg.
Strategie: was der Anbieter sagt und was wir messen
Laut Anbieter handelt Gold X9 Ausbrüche über frühere Swing-Hochs und -Tiefs auf mehreren Zeitrahmen, mit Stop-Orders knapp vor dem Hoch oder Tief. Jede der neun Teilstrategien setzt beim Einstieg Stop-Loss und Take-Profit, zieht beide nach und hat einen Break-even. Die Abstände rechnet der EA in Prozent des Goldpreises. Im Bauvideo vom 1. Oktober zeigt der Anbieter den Code von Strategie 9: Stop-Loss 2 % des Preises (bei 4.300 USD also rund 86 USD), Take-Profit 0,7 %. Die Teilstrategien lassen sich einzeln ein- und ausschalten; ab Werk steht das Risikoprofil auf „Very High Risk“. Dazu kommen Prop-Firm-Grenzen für Tages- und Gesamt-Drawdown, ein News-Filter über den MT5-Kalender und ein „Trade-Randomizer“, damit nicht alle Nutzer identische Trades bekommen. Martingale verneint er ausdrücklich.
Unsere Daten stammen aus dem Tracker-Fingerprint unseres ersten Live-Kontos (für das zweite sind es noch zu wenige Trades). Er trennt die Trades eines EAs über Magic-Nummer und Order-Kommentar von den anderen EAs auf demselben Konto. Was er zeigt:
- Neun Teilstrategien, jede mit eigener Magic-Nummer und dem Kommentar „Gold X9 by MrCapFree_XAUUSD_1“ bis „_9“.
- Kurze Haltedauer von rund anderthalb Stunden im Schnitt, knapp zwei Trades am Tag, Trefferquote 75 %.
- Konstante Lotgröße von 0,01, keine Lot-Steigerung. Das spricht gegen Martingale.
- Korb-Schließungen bei knapp 14 % der Trades: Mehrere Positionen wurden in derselben Sekunde gemeinsam geschlossen. Ab 10 % ordnet der Tracker das als Grid ein, deshalb führen wir Gold X9 als „Breakout, Grid“. Eine harmlosere Erklärung gibt es auch: Steigen mehrere Teilstrategien am selben Ausbruch ein, können sie am selben Kursziel gemeinsam aussteigen. Bei 36 Trades können wir beides nicht trennen; die Einordnung ist vorläufig.
- Kein fester Stop in Pips: Die Verluste sind sehr unterschiedlich groß. Das passt zur Bauart: Ein Stop in Prozent des Preises, Trailing und Break-even erzeugen viele kleine Verluste und gelegentlich einen vollen Stop.
- Langer Verlustschwanz: Der größte Verlust war etwa 40-mal so groß wie der typische Verlust. Bei The Gold Reaper liegt dieser Wert bei rund 6. Ein Stop, der fast dreimal so weit weg liegt wie das Ziel, erklärt das: Wenn er greift, kostet er so viel wie mehrere Gewinne.
Ähnlich wie The Gold Reaper
Schon ein Zuschauer schrieb unter das Video, Gold X9 wirke wie eine Weiterentwicklung des Gold Reaper. Unsere Daten stützen den Eindruck eines ähnlichen Handelsmusters: Beide handeln nur Gold, beide bestehen aus mehreren Teilstrategien (acht beim Gold Reaper, neun bei Gold X9) mit demselben Kommentar-Schema „Name_XAUUSD_Nummer“, beide halten Trades im Schnitt etwa anderthalb Stunden, und die Magic-Nummern folgen demselben Abstandsmuster. An den meisten Tagen, an denen beide gehandelt haben, lagen sie im selben Vorzeichen.
Ob Gold X9 auf dem Gold Reaper aufbaut, ihn nachbildet oder beide auf ein gemeinsames Muster zurückgehen, lässt sich aus Handelsdaten nicht feststellen. Wir behaupten deshalb nur, was wir messen. Gemessen haben wir auch die Unterschiede: andere Session-Verteilung, mehr Korb-Schließungen, ein viel längerer Verlustschwanz und gelegentliche Gegenpositionen. Alles Weitere steht im ausführlichen Vergleich Gold X9 vs. The Gold Reaper.
Unsere Live-Daten
Wir fahren Gold X9 auf zwei eigenen Echtgeld-Konten bei Vantage, beide mit 0,01 Lot. Das erste Live-Konto (••9898) lief vom 8. bis 28. September und war ein geteiltes Konto: Darauf liefen auch Quantum Queen und Onyx. Die Zahlen gelten nur für die Trades von Gold X9; der schlechteste Wert des ganzen Kontos stammt überwiegend von den anderen EAs und ist Gold X9 nicht zuzurechnen. Am 28. September haben wir es gestoppt. Seit dem 30. September läuft Gold X9 allein auf dem zweiten Live-Konto (••8873). Im Tracker trug dieses Konto zunächst das Etikett „Demo“; das war falsch, es ist ein Echtgeld-Konto.
Unser Live-Vergleich · eigene Konten
Stand: 05. Oktober 2026 · aktualisiert wöchentlich
| Kennzahl | The Gold ReaperLive · IC Markets · ••9665 | Gold X9Live · Vantage · ••9898 | Gold X9Live · Vantage · ••8873 |
|---|---|---|---|
| Konto geteilt | nein, läuft allein | ja, mit Quantum Queen und Onyx (Str) · 12,9 % der Trades | nein, läuft allein |
| Einlage | 8.866,53 USD | 501,39 USD | 1.000,49 USD |
| Erster Trade | 18.03.2026 | 08.09.2026 | 30.09.2026 |
| Letzter Trade | 02.10.2026 | 28.09.2026 | 05.10.2026 |
| Laufzeit | 199 Tage | 21 Tage | 6 Tage |
| Trades | 207 | 36 | 25 |
| Netto | +4.460,45 USD | +151,91 USD | −210,99 USD |
| Netto in % der Einlage | +50,3 % | +30,3 % | −21,1 % |
| Netto seit 08.09. | +1.705,74 USD | +151,91 USD | −210,99 USD |
| Profit-Faktor | 2,11 | 1,88 | 0,13 |
| Trefferquote | 67,2 % | 75,0 % | 48,0 % |
| Rückgang geschlossen (nur dieser EA) | 8,1 % · 716,87 USD | 25,2 % · 126,24 USD | 21,2 % · 211,58 USD |
| Status | handelt | beendet, Terminal aus · letzter Trade 28.09. | handelt |
- The Gold Reaper · Live · IC Markets · ••9665
- Gold X9 · Live · Vantage · ••9898
- Gold X9 · Live · Vantage · ••8873
Kumulierter geschlossener P/L seit 08. September 2026, in % der Einlage
Kumulierter geschlossener P/L seit 08. September 2026, in USD
An 7 Tagen haben beide EAs Trades geschlossen, an 6 davon mit demselben Vorzeichen (beide im Plus oder beide im Minus). Bei so wenigen Tagen ist das ein Hinweis, keine belastbare Korrelation.
- Die Konten sind unterschiedlich groß und laufen unterschiedlich lange. Darum zeigen wir den Verlauf zweimal: in Prozent der Einlage (vergleichbar) und in USD (was wirklich verdient oder verloren wurde).
- Die Kurven beginnen am gemeinsamen Start, also am ersten Handelstag des jüngeren EAs. Die Zahlen seit dem jeweiligen Start stehen in der Tabelle.
- Geschlossene Trades, ohne offene Positionen. Ein Grid-artiger EA kann zwischendurch deutlich tiefer im Minus stehen, als die Kurve zeigt.
- Auf einem geteilten Konto beziehen sich die Prozentwerte auf die Einlage des ganzen Kontos.
Quelle: unser EA-Park, ausgewertet aus dem ATS Space Tracker (Waterline). Kontonummern gekürzt.
So lesen wir die Zahlen: Auf dem ersten Konto hat Gold X9 in drei Wochen Geld verdient, aber auf dem Weg dorthin 25 % der Konto-Einlage zwischenzeitlich wieder abgegeben. Auf dem zweiten Konto kam ein einzelner Tag, der 2. Oktober, an dem mehrere Teilstrategien zugleich verloren, auf den größten Teil des Verlusts. Beide Konten zusammen sind 61 Trades und −59,08 USD. Das reicht für kein Urteil über die Strategie, wohl aber für eines über die Beweislage: Sie ist dünn.
Risiken
- Grid-Charakter: Korb-Schließungen und gelegentliche Gegenpositionen (knapp 6 % der Trades) heißen, dass Gold X9 zeitweise mehrere Positionen gegen den Markt hält. Auf Gold, das an einem Nachrichtentag mehrere Dollar am Stück läuft, ist das der klassische Weg zu großen Einzelverlusten. Mehr dazu im Ratgeber zu Grid- und Martingale-EAs.
- Weiter Stop, enges Ziel: Ein Stop bei 2 % des Goldpreises gegen ein Ziel von 0,7 % heißt, dass ein voller Stop die Gewinne mehrerer guter Trades auffrisst. Greifen mehrere Teilstrategien am selben Tag ihren Stop, wie am 2. Oktober auf unserem zweiten Live-Konto, summiert sich das schnell.
- Aggressive Voreinstellung: Ab Werk steht das Risikoprofil auf „Very High Risk“ und die Lotgröße wird aus 30 % erlaubtem Gesamt-Drawdown berechnet. Wer Gold X9 testet, sollte das Profil herunterstellen und einen harten Equity-Stop setzen.
- Gleichlauf mit anderen Gold-EAs: Wer schon den Gold Reaper oder einen anderen Gold-Breakout fährt, kauft mit Gold X9 nach unseren Daten weitgehend dieselbe Wette. Siehe EA-Portfolio-Management.
- Keine Lizenzbindung, keine Plattform-Kontrolle: Eine ungeschützte ex5-Datei ist bequem, aber es gibt keine Instanz wie den MQL5-Market, die Bewertungen, Updates und Rückgaben regelt.
Preis und Leistung
69,99 USD sind für einen Gold-EA wenig, dazu kommt die kostenlose Demo für Backtests. Für den Preis bekommt man einen ordentlich gebauten EA mit Prop-Firm-Funktionen. Man bekommt aber keinen Nachweis, dass er live auf Dauer trägt. Beim Gold Reaper zahlt man gut das 13-Fache und erhält dafür knapp zwei Jahre öffentliches Live-Signal. Billig ist Gold X9 also nur, wenn man die fehlende Evidenz selbst nachholen will und das Testgeld dafür einplant.
Für wen (nicht) geeignet
Geeignet für Trader, die gern selbst testen, die Demo-Version mit eigenen Brokerdaten durch den Strategietester jagen und den EA danach auf einem kleinen, separaten Konto mit hartem Equity-Stop beobachten wollen.
Nicht geeignet für alle, die einen belegten Track Record brauchen, für Prop-Firm-Challenges ohne eigenen Schutz und als zweiter Gold-EA neben dem Gold Reaper.
Fazit
Gold X9 ist kein schlechter Witz, sondern ein ernsthaft gebauter EA zu einem sehr niedrigen Preis, und er handelt nach unseren Daten ähnlich wie der teure Gold Reaper. Das allein macht ihn aber nicht gleichwertig. Der Gold Reaper hat knapp zwei Jahre öffentliches Live-Signal, Gold X9 hat ein Video und vier Wochen auf zwei unserer Echtgeld-Konten, die zusammen leicht im Minus liegen. Wir lassen ihn weiterlaufen und aktualisieren den Live-Vergleich wöchentlich. Bis mehr Daten da sind, bleibt es bei Gelb mit Vorbehalt.
