Was Slippage ist
Slippage ist die Differenz zwischen dem Kurs, zu dem du eine Order auslösen wolltest, und dem Kurs, zu dem sie tatsächlich ausgeführt wird. Sie entsteht, weil sich der Markt in den Millisekunden zwischen Orderauslösung und Ausführung bewegt – oder weil zum gewünschten Kurs nicht genug Liquidität vorhanden ist.
Für diskretionäre Trader ist Slippage ein Ärgernis. Für EAs und Scalping-Strategien ist sie oft der Unterschied zwischen einem profitablen und einem unprofitablen System: Wer pro Trade 3–5 Pips Ziel hat, den frisst 1 Pip durchschnittliche negative Slippage lebendig.
Warum Slippage entsteht
- Marktvolatilität: Rund um News (NFP, Zinsentscheide) bewegt sich der Kurs sprunghaft.
- Geringe Liquidität: Zu dünnen Handelszeiten oder in exotischen Paaren ist nicht genug Gegenseite vorhanden.
- Ausführungsgeschwindigkeit & Latenz: Je länger die Strecke zwischen deinem System und dem Liquiditätspool, desto mehr kann sich der Kurs bewegen.
- Order-Typ: Market-Orders werden zum nächsten verfügbaren Kurs gefüllt; Limit-Orders schützen vor negativer Slippage, riskieren aber Nicht-Ausführung.
Positive, negative und Gap-Slippage
Nicht jede Slippage ist gleich – die Unterscheidung ist für EA-Trader wichtig:
- Negative Slippage: Ausführung schlechter als angefordert – der Normalfall in schnellen Märkten.
- Positive Slippage: Ausführung besser als angefordert. Seriöse ECN-/STP-Broker geben sie weiter; bei „Last-Look"-Market-Makern verschwindet sie auffällig oft zu deinen Lasten.
- Requotes: Statt zu füllen, bietet der Broker einen neuen Kurs an. Häufig bei Market-Maker-Modellen und in Volatilität – für EAs kritisch, weil die Order verzögert oder gar nicht ausgeführt wird.
- Gap-Slippage: Über das Wochenende oder bei News springt der Kurs über dein Stop-/Limit-Level hinweg. Dein Stop wird dann zum nächsten verfügbaren, oft deutlich schlechteren Kurs gefüllt – garantierte Stops (gegen Aufpreis) sind die einzige echte Absicherung dagegen.
Realistische Größenordnungen
Grobe Richtwerte für Majors (EUR/USD, GBP/USD) bei einem guten ECN-Broker, je Orderseite:
- Ruhige Session, normale Liquidität: 0,0–0,3 Pips
- Normaler Handel: 0,3–0,8 Pips
- Rund um wichtige News (NFP, FOMC): 2–10+ Pips, dazu Requote-Risiko
- Sonntags-Eröffnung / dünne Liquidität: mehrere Pips, Gap-Risiko
Exoten, Indizes und Krypto liegen deutlich höher. Entscheidend ist nicht der Einzelwert, sondern der Durchschnitt über viele Trades – genau den misst du im Journal.
Auswirkung auf automatisiertes Trading
Backtests rechnen meist mit perfekter Ausführung. Im Livebetrieb verschiebt Slippage Einstieg und Ausstieg – bei hochfrequenten oder eng gestaffelten EAs kann das die im Backtest gemessene Edge halbieren oder ganz aufheben. Deshalb gehört eine realistische Slippage-Annahme in jede seriöse Strategie-Bewertung.
Rechenbeispiel: Wie Slippage eine Edge auffrisst
Ein Scalping-EA zielt auf 4 Pips Gewinn bei 60 % Trefferquote und 4 Pips Stop. Brutto-Erwartungswert je Trade: 0,6 × 4 − 0,4 × 4 = +0,8 Pips.
Mit realistischer Ausführung: 0,8 Pips durchschnittliche negative Slippage (Ein- und Ausstieg zusammen). Erwartungswert: 0,8 − 0,8 = ±0 Pips – nach Kommission liegt das System im Minus. Aus einer im Backtest profitablen Strategie wird live ein Verlustbringer, allein durch Ausführungskosten, die der Backtest nicht abgebildet hat. Genau deshalb ist eine konservative Slippage-Annahme Pflicht – und je enger dein Pip-Ziel, desto kritischer.
Wie du Slippage reduzierst
- ECN-/Raw-Broker mit tiefer Liquidität wählen – siehe unsere Broker-Tests.
- VPS nah am Broker-Server betreiben (idealerweise dasselbe Rechenzentrum, z. B. Equinix NY4) – siehe VPS für EAs.
- Handelszeiten steuern: keine marktbewegenden News mit Market-Orders durchhandeln.
- Limit-Orders nutzen, wo die Strategie es erlaubt.
- Slippage messen und überwachen – nur was du misst, kannst du optimieren.
Fazit
Slippage ist kein Randdetail, sondern eine harte Kostenkomponente jeder automatisierten Strategie. Broker-Wahl, VPS-Standort und Order-Logik sind die drei Hebel, mit denen du sie in den Griff bekommst – und genau danach bewerten wir Broker aus Algo-Sicht.