Ein guter EA ist ein Risiko-Profil, keine Rendite-Maschine
Die meisten Käufer eines Expert Advisors fragen zuerst: „Wie viel Prozent macht der?" Das ist die falsche Frage. Jede Rendite lässt sich durch höheres Risiko aufblasen — bis zum Totalverlust. Die richtige Frage lautet: „Wie viel Risiko trägt dieser EA für jede Einheit Rendite, und ist sein Edge echt?"
Dieser Guide gibt dir ein Raster, mit dem du jeden EA — kommerziell gekauft oder selbst gebaut — anhand der gleichen objektiven Kriterien bewertest. Grundlage sind die zentralen Trading-Kennzahlen; hier geht es um ihre praktische Anwendung bei der EA-Auswahl.
Kriterium 1: Out-of-Sample- und Forward-Ergebnisse
Das ist das Knockout-Kriterium. Ein Backtest allein beweist nichts — er zeigt nur, dass sich Parameter an die Vergangenheit anpassen lassen.
- Verlange Forward-Ergebnisse: Ein seriöser Anbieter zeigt ein Live- oder Demo-Forward-Tracking (z. B. via Myfxbook oder FXBlue), das nach der Entwicklung des EAs begonnen hat.
- Mindestens 6–12 Monate Live-Historie mit 100+ Trades. Alles darunter ist statistisches Rauschen.
- Prüfe das Verhältnis Backtest zu Live: Liegt die Live-Performance deutlich unter dem Backtest, war der EA wahrscheinlich überoptimiert. Wie und warum das passiert, erklärt der Guide Backtest vs. Live: warum EAs scheitern.
Kriterium 2: Drawdown im Verhältnis zur Rendite
Eine Rendite ohne Drawdown-Kontext ist wertlos. Zwei zentrale Maße:
- Recovery-Faktor = Nettogewinn / maximaler Drawdown. Werte über 3 (über einen vollständigen Marktzyklus) deuten auf ein gesundes Verhältnis hin.
- Maximaler relativer Drawdown: Wie tief fiel die Equity prozentual vom letzten Hoch? Ein EA mit 40 % Rendite und 35 % Max-DD ist gefährlicher als einer mit 15 % Rendite und 8 % Max-DD.
Frage immer: Hättest du den tiefsten Drawdown in der Historie durchgehalten, ohne den EA abzuschalten? Wenn nicht, ist der EA zu aggressiv für dich — unabhängig von der Rendite.
Kriterium 3: Profit-Faktor und Trade-Verteilung
Der Profit-Faktor (Bruttogewinn / Bruttoverlust) ist nützlich, aber leicht zu manipulieren.
| Profit-Faktor | Einordnung | |---|---| | < 1,1 | Edge zu dünn, von Kosten aufgefressen | | 1,3 – 1,8 | Realistisch und nachhaltig | | > 2,5 (über viele Trades) | Selten ehrlich — Curve-Fitting oder Grid/Martingale prüfen |
Entscheidend ist die Trade-Verteilung: Stammt der Gewinn aus vielen ähnlich großen Trades oder aus wenigen Ausreißern? Hängt der gesamte PF an drei Glückstrades, ist er nicht reproduzierbar.
Kriterium 4: Handelsfrequenz und Stichprobengröße
Ein EA mit 12 Trades pro Jahr braucht Jahrzehnte, um statistisch belastbar zu sein. Ein Scalper mit 2.000 Trades liefert in Monaten eine valide Stichprobe — handelt aber spread- und slippage-empfindlicher.
- Zu wenige Trades: keine statistische Aussagekraft, hohes Curve-Fitting-Risiko.
- Sehr viele Trades: Execution-Qualität und Kosten (Slippage, Spread, Kommission) werden zum dominanten Faktor.
Beziehe die Frequenz immer auf den Broker: Ein hochfrequenter EA scheitert bei einem teuren Broker, selbst wenn die Logik gut ist. Siehe dazu den Broker-Vergleich für EA/Algo-Trading.
Kriterium 5: Robustheit
Robustheit bedeutet, dass der Edge nicht von einer exakten Parameterkonstellation abhängt.
- Parameter-Plateau: Bleibt der EA profitabel, wenn du jeden Parameter um ±15 % verschiebst? Ein scharfer Peak statt eines breiten Plateaus ist ein Curve-Fitting-Indiz.
- Multi-Symbol-Test: Funktioniert die Logik mit ähnlichen Einstellungen auf verwandten Paaren?
- Verschiedene Marktregime: Hat der EA Trend-, Range- und Volatilitätsphasen erlebt — inklusive einer echten Krise?
Kriterium 6: Money-Management
Wie skaliert der EA die Lotgröße?
- Gut: Risikobasiertes Sizing (fester Prozentsatz des Kapitals pro Trade), klar definierter Stop-Loss pro Position. Details im Guide Lotgrößen & Risiko pro Trade.
- Akzeptabel mit Vorsicht: fixe Lots, sofern sie zum Kapital passen.
- Warnsignal: Lotgrößen, die nach Verlusten erhöht werden — das ist eine Martingale-Mechanik.
Red Flags: Woran du einen problematischen EA erkennst
- Makellos glatte Equity-Kurve ohne sichtbaren Drawdown — fast immer ein verstecktes Grid- oder Martingale-System.
- Kein Stop-Loss auf den einzelnen Positionen.
- Nur Backtest-Ergebnisse, kein verifiziertes Live-Tracking.
- Marketing mit Renditeversprechen statt mit Risikokennzahlen.
- „Set and forget" ohne Risikoregeln — kein seriöser EA läuft ohne Drawdown-Schutz.
- Lotgröße steigt nach Verlusten — der Klassiker vor dem Account-Blowup.
Fazit
Ein guter Forex-EA zeichnet sich nicht durch hohe Rendite aus, sondern durch ein gesundes Verhältnis von Rendite zu Drawdown, einen über Out-of-Sample und Forward-Test belegten Edge, eine ausreichend große Trade-Stichprobe und ein transparentes, risikobasiertes Money-Management. Wer nach diesem Raster prüft, sortiert den Großteil der Marketing-Produkte aus, bevor das erste Echtgeld fließt. Der nächste Schritt ist, geprüfte EAs sinnvoll zu kombinieren — wie das geht, zeigt der Guide zum EA-Portfolio-Management.